Blogposts

Alles oder Nichts: Requiem mit Zafirah

Auf der offiziellen Website von ArenaNet wurde heute das neue Kapitel vom Requiem-Projekt veröffentlicht. Innerhalb des zweiten Kapitels steht die Balthasar-Priesterin und Scharfschützin Zafirah im Mittelpunkt.

Die Requiem-Reihe beinhaltet Kurzgeschichten, welche die Sichtweisen und Gefühle einiger Charaktere nach den Ereignissen der Episode „Alles oder Nichts“ darstellen sollen.

Alles oder Nichts: Requiem mit Zafirah

In diesem Kapitel erfahren wir mehr über die Eindrücke und Empfindungen von Zafirah. Des Weiteren erfährt man auch ein wenig über ihre Vergangenheit und das Leben in Elona zu Herrschaftszeiten von Palawa Joko.

Wir haben für euch die Geschichte zusammengefasst.

Zafirahs Geschichte

Da war eine Vision.

Das Versprechen, dass wir gewinnen würden.

Mein Gott ist tot. Aurene ist fort. Die Wärme von Balthasars Geist ist jetzt nur noch kalter, lebloser Kristall. Kralkatorrik hat sie mir genommen, genau wie sein Brand bald diese Welt nehmen wird.

Ich dachte, ich hätte endlich … etwas gefunden. Die Hoffnung, dass das, woran ich mich festhielt, real war. Dass es rein und gut war.

Vielleicht war es das.

Vielleicht war das, was ich in der kurzen Zeit zwischen meinem Tiefpunkt und dem Ende aller Dinge hatte, das Beste, das ich je erreichen werde.

Oder vielleicht war die Vision, in der ich während der letzten Schlacht gegen Kralkatorrik an ihrer Seite stand, eine Warnung, mich fernzuhalten.

In dem, was vor mir liegt, liegt kein Trost. Ich kann nur in die Vergangenheit blicken und sie mitnehmen, wohin auch immer ich gehe.

Das Gewehr auf meinem Rücken ist ein Symbol dessen, was zuerst kam.

Die ersten Dinge, an die ich mich erinnere: das blendende Sonnenlicht, die glühende Wüstenhitze und die Schreie meiner Familie.

Da sind auch andere Stimmen. Tiefere, kehlige Stimmen, die schreiend Palawa Joko preisen, als könnte der Lich ihre Hingabe durch ganz Elona hören. Meine Mutter und mein Vater, meine Schwester und mein Bruder – sie schoben mich eilig zur Tür hinaus in eine riesige Wüste. Bei mir trug ich nur das Gewehr meiner Mutter und eine kleine, schwere Tasche voller Munition. Zu schwer für ein Kind, doch nicht annähernd ausreichend für das, was vor mir lag.

Sie sagten, ich müsse nach Amnoon fliehen. Ich musste versprechen, dass ich überleben würde.

Also rannte ich, und ihre Schreie wurden eins mit dem Heulen des Wüstenwinds, der mir in den Rücken wehte.

Ich flüchtete gen Norden durch den Geißelweg, durch das Ödland, weg von Joko – was auch immer das in Elona bedeuten mochte. Dann stieß ich auf die Knochenwand. Niemand konnte sich durch das Tor schleichen, ohne durch mindestens drei Dutzend Erweckte zu müssen … und es waren nicht die hirnlosen Rüpel, die durch Höfe und Dörfer streiften und Unterstützung für den Lich auftrieben. Diese Erweckten konnte man nicht täuschen. Man konnte nicht mit ihnen reden. Versuchte man, mit einer fadenscheinigen Ausrede oder schlecht gefälschten Papieren durch das Tor zu gelangen, landete man nicht im Gefängnis.

Man wurde auf der Stelle getötet.

Als ich den Mut zusammennahm, um selbst mein Glück zu versuchen, wurde ich Zeugin davon. Der arme Narr vor mir bestand darauf, er hätte die Erlaubnis, mit einer kleinen Gruppe von Bauern, die in den Elon-Flusslanden auf der anderen Seite arbeiteten, das Tor zu passieren. Die Wachen brachten ihm weder Geduld noch Gnade entgegen. Vielleicht gehörte er zu der Gruppe. Vielleicht auch nicht.

Mir war klar, dass ich es niemals alleine durch das Tor schaffen würde. Ich war gefangen und irrte durch das Ödland. 

Ich weiß nicht, wie lange ich mich im Ödland versteckte. Ich war allein und hatte sechsundvierzig Kugeln in der schweren Tasche, die mir meine Familie in die Hand gedrückt hatte. Einiges Wild hielt sich länger als anderes, doch sobald ich keine Munition mehr hatte … war es das. Ich musste durch das Joko-Tor entkommen.

Es gab natürlich Felsgazellen. Sandaale und Verschlinger – ein Fehlschuss bedeutete, dass ich ihre Aufmerksamkeit auf mich zog, was gefährlich war. Ich lernte, mein Ziel nicht zu verfehlen.

An einem Tag, an dem ich besonders verzweifelt war, versuchte ich sogar, eine Mahlzeit aus schwefeligem Schleim zuzubereiten. Je weniger Worte ich darüber verliere, desto besser.

Wenn mich Jokos Erweckte fanden, brauchte ich auch für sie Kugeln. Doch das war eine Verschwendung. Ich lernte, mich vor ihnen zu verstecken.

Wenn ich nicht auf der Jagd war oder meine Flucht durch das Tor plante, war ich allein mit meinen Gedanken. Sie drehten sich um die Familie, die ich verloren hatte, und um alles, das man mir genommen hatte.

Da war ein Hof gewesen, Arbeit, Schießübungen am Morgen – die Routine eines einfachen Lebens. Ein Leben, das nicht mehr meins war.

Natürlich wollte ich weinen. Natürlich wollte ich trauern. Doch ich konnte nicht. Trauer würde Zeit brauchen. Kraft. Ich konnte sie nicht verschwenden. Ich musste überleben. Ich musste weitermachen. Ich musste die Elon-Flusslande erreichen, die Kristalloase, Amnoon.

Ich müsste einunddreißig Mal den Abzug betätigen, bevor ich eine Chance dazu hätte.

Ich finde meine Mitte.

Ausatmen.

Nicht ziehen. Drücken.

Das KNALLEN der Kugel. Das Mündungsfeuer. Der Rückstoß des Gewehrs. Die lange Stille danach.

Die Silhouette der Felsgazelle verschwand vom Horizont. Es war getan.

Doch in der Ferne war bereits eine weitere Silhouette. Erweckte, dachte ich. Ich schaute durch das Zielfernrohr und sah, dass es eine Elonierin war – eine Frau, in prächtigere Kleidung gehüllt als ich sie je gesehen hatte. Sie sah die Gazelle an, um herauszufinden, wie sie gefallen war. Sie drehte sich in meine Richtung, winkte und setzte sich auf eine Felszunge, als ob sie auf mich wartete.

Ich fühlte etwas. Wie lang war es her gewesen, dass mich jemand gegrüßt hatte? Wochen. Mindestens einen Monat.

Ich lud das Gewehr nach und zog den Riemen über mein Kopf, sodass das Gewehr lose an meiner Seite hing. Wenn sie versuchte, mir meine Beute zu stehlen, würde das Gewehr mit einem schnellen Ruck in meinen Händen landen.

Als ich näher kam, war der Schreck auf ihrem Gesicht so offensichtlich wie der Himmel blau war. Sie schüttelte beeindruckt ihren Kopf und deutete hinunter zur toten Gazelle. Es sammelten sich bereits Fliegen.

„Warst du das?“, fragte sie.

„Ja.“

„Wie heißt du, Mädchen?“

Ich erinnere mich an ihre vorsichtigen Bewegungen. Langsam. Bedächtig. Ohne Angst.

Als ich zwischen sie und meine Beute trat, erklärte sie, dass die Gazelle nicht mir gehörte, sondern den Hirten, die den Hamaseen gutes Geld dafür zahlten, die Herde am Leben zu halten. Doch sie klang weder bevormundend noch boshaft. Sie war offenbar … beeindruckt? Amüsiert? Nichts, womit ich gerechnet hatte.

„Ich weiß nicht, was die Hamaseen sind“, beharrte ich, „aber sie können dieses Tier nicht haben. Und Ihr auch nicht.“

Sie lächelte. „Nicht einfach so“, sagte sie. Ich erinnere mich daran, weil ich es danach noch viele Male hören würde. Sie fragte mich, wer aus mir eine so unglaubliche Schützin gemacht hat. Ich entgegnete ihr mit Schweigen, doch sie sah etwas in mir – etwas, das ich nicht zeigen wollte.

Sie sagte, dass sie verstehe. Dass es ihr leid tat.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie diese Fremde etwas verstehen konnte. Ich fühlte, wie sich Wut und Verwirrung in mir aufbauten, bis sie sagte: „Das Joko-Tor. Willst du es passieren?“

Nicht einfach so, natürlich.

Sie würde auf mich aufpassen. Sie würde mich an der Knochenwand vorbei bringen. Sie würde mir vergeben, dass ich die Gazelle erschossen hatte.

Alles, was ich tun musste, war, den Hamaseen meine Fähigkeit als Schützin zu versprechen.

Zalambur erkannte schnell mein Talent, und noch schneller zog er seinen Vorteil daraus. Tat er es nicht, so dachte er, würde es jemand anderes tun. Es gab viele andere Mitglieder der Hamaseen, die mich um Hilfe baten, doch Zalambur war der einzige, der sie verlangte.

Und Zalambur verlangte nur die Besten.

Als er zum ersten Mal das alte, ramponierte Gewehr sah, das ich trug, war ihm egal, dass ich alles treffen konnte, was ich durch mein Zielfernrohr sah. Er konnte nicht wissen, was es mir bedeutete. Gegen meinen Wunsch tauschte er das Gewehr meiner Mutter gegen ein neues ein, auf dem das Symbol der Hamaseen eingebrannt war. Das Zielfernrohr war doppelt so leistungsfähig und mit dem Gewehr konnte man doppelt so schnell schießen, mit der Hälfte des Rückstoßes.

Er sagte mir, ich würde es brauchen, wenn ich seine Scharfschützin sein wollte.

Ich hasste es. Doch ich liebte es auch. Ich weiß nicht, was mit dem Gewehr meiner Mutter passiert ist, doch Zalambur bestand darauf, dass es keine Rolle spielte. Es war ein Gegenstand. Ein Instrument. Ein Werkzeug, das man verwendet und dann entsorgt.

Das neue Gewehr leistete mir gute Dienste, als aus meinen Zielen, die anfangs Wild gewesen waren, bald Erweckte wurden. Und danach Elonier, die ich nicht kannte. Und danach Elonier, die ich kannte.

Zalambur stieg in den Rängen der Hamaseen auf, auf einem Haufen aus meinen Patronenhülsen.

Ich wurde bei den Hamaseen respektiert, doch mit diesem Respekt kam Angst. Trotz all der Macht, die Zalambur bot, fühlte ich, dass etwas fehlte. In all dem war eine Leere.

Was mir fehlte, sollte ich erst erfahren, als ich die Zaishen fand. 

Soweit meine Erinnerung zurückreichte, gab es für die Sechs Götter nie einen Platz in Jokos Elona. Ich habe nie viel Zeit damit verbracht, über sie nachzudenken. Zalambur und seine Hamaseen-Genossen waren nicht gerade … fromm. Meine eigenen Eltern beteten nicht zu einem der Sechs, wenn ich mich recht entsinne.

Als Zalambur mir also sagte, dass sich eine Gruppe Zaishen-Priester auf ihrer Reise aus dem Ödland durch das Joko-Tor in die Elon-Flusslande beschützen werde – auf demselben Weg, auf dem ich Jahre zuvor gereist war – dachte ich mir nicht viel dabei. Schließlich wurde ich von Zalambur zu vielen elonischen Fraktionen entsandt. Er sah sich selbst als eine Art Betreuer für das unterdrückte Leid unter dem Joch Jokos. Wenn es da draußen eine Gruppe gab, die den Lichfürsten ärgern konnte, dann bereitete es Zalambur große Genugtuung, sie zu unterstützen.

Doch als ich diese Priester sah, fragte ich mich, warum Zalambur seine Zeit verschwendete.

Ich traf sie in einer kleinen Höhle, die umgeben von ätzenden, toxischen Tümpeln war, irgendwo östlich der Schwärenden Tümpel. Sie waren zu acht und trugen alle schwere Roben in leuchtendem Orange und Schwarz. Atsu, ihr Anführer, trug eine Art dekorative Kopfbedeckung aus Netz, die sein Gesicht verschleierte, wie ein Helm ohne wirkliche Schutzfunktion. Ich erinnere mich, dass ich sie albern fand.

Um ehrlich zu sein, schien in meinen Augen zunächst alles am Zaishen-Orden albern zu sein. Balthasar war ein Gott des Feuers und des Krieges. Wie lebt man sein Leben mit Feuer und Krieg?

Ich war bei den Hamaseen eine Agentin des Todes und der Zerstörung, doch das hatte ich mir nicht ausgesucht. Es war kein Teil von mir. Nach Jahren im Dienst fühlte ich trotz der Macht und des Ansehens, die Zalambur bot, nach wie vor nichts als Leere und die Angst der anderen bei den Hamaseen. Nie könnte ich eine von ihnen sein, nicht wirklich – schließlich war ich es, die von Zalambur geschickt wurde, um jenen ihr Ende zu bereiten, die Zalambur hintergingen. Die Leute hielten mich auf Abstand. Wer würde das wollen? Wer würde sich danach sehnen?

Ich lag falsch. Ich lag mit allem falsch.

Atsu, der Priester, hatte etwas getan, das ich nie vergessen würde.

Ich hatte gerade eine Erweckten-Patrouille von hoch oben in den Bergen ausgeschaltet, damit die Gruppe sicher gen Norden reisen konnte. Atsu hatte gefragt, ob er mich zu meiner Warte begleiten könnte, um „mir bei der Arbeit zuzusehen.“ Zalambur wollte nicht, dass ich die Priester verärgere, also willigte ich ein – ich beachtete Atsu jedoch nicht, denn ich wollte mich von seiner Anwesenheit nicht ablenken lassen.

Meine Mitte finden.

Ausatmen.

Nicht ziehen. Drücken. 

Das KNALLEN der Kugel. Das Mündungsfeuer. Der Rückstoß des Gewehrs. Die lange Stille danach.

Zalambur hatte seine Freude, als er sah, dass ich geübt im Umgang mit dem Gewehr war. Er wusste schließlich, wie er mein Können für seine Zwecke nutzen konnte. Die meisten waren überrascht oder hatten Angst, denn sie wussten, dass sie ihr Ende nicht kommen sehen würden, falls sie zum Ziel wurden.

Doch Atsu?

Atsu betete.

„Balthasar sei gepriesen für diese Gabe.“

Er betete nach jedem meiner Schüsse – ich brauchte vier, um die gesamte Patrouille auszuschalten.

Ich hatte viele verschiedene Reaktionen auf meine Fähigkeiten mit dem Gewehr gehört, doch nie hatte man sie für eine göttliche Gabe gehalten. Darauf war ich … nicht vorbereitet. Als ich versuchte, es abzutun, schien Atsu enttäuscht zu sein. Nicht, weil ich seine Dankbarkeit ablehnte, sondern – so sagte er – weil mir nicht bewusst sei, wie besonders ich war. Wie besonders ich für Balthasar war.

Dann spürte ich etwas. Zuerst wusste ich nicht, was es war, doch dann fühlte es sich seltsam bekannt an. Eine Kraft. Eine Präsenz. Hatte ich sie zuvor gespürt? War sie immer da gewesen?

Atsu zog seinen Dolch heraus und drückte den Griff in meine Handfläche. Die Zaishen-Insignie – etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte – war auf der Unterseite eingraviert. Für mich sah sie aus wie zwei flammende Schwingen, die den Mittelpunkt einer Zielscheibe tragen.

Er sagte mir, dass Balthasar jene lobt, die handeln.

Balthasar lobt jene, die vorwärts schreiten, nicht zurück.

Balthasar lobt jene, die nicht zögern – weder im Leben noch auf dem Schlachtfeld.

Und vor allem lobt Balthasar jene, die ein Leben nehmen können, um andere zu retten.

Den Zaishen geht es nie ums Töten, sondern darum, zu töten, um für die Sicherheit vieler zu sorgen.

Nicht darum, Kriege zu führen, sondern um sie zu gewinnen.

Nicht ums Töten, sondern ums Beschützen.

Atsu fragte mich, wofür ich als Scharfschützin für die Hamaseen tötete.

Was war aus mir geworden? War dies wirklich das, was ich sein wollte? Was ich sein sollte?

Nein. Nein, das war es nicht.

Zumindest dachte ich das. Die Wahrheit sollte ich erst erfahren, als … 

Balthasar.

Die Zaishen sagten mir, ich sei eine von ihnen. Sie nahmen mich mit offenen Armen auf. Balthasar selbst hätte mir eine Gabe verliehen, sagten sie. Und ich glaubte ihnen. An jenem Tag spürte ich Balthasars Präsenz. Seine Macht war da, um mich herum. Sie führte meine Hand. Sie war immer da gewesen, stellte ich fest – der Schatten eines Gedankens in meinem Hinterkopf. Erst als Atsu in jener Höhle hoch über dem Ödland zu mir sprach, erkannte ich meine wahre Berufung.

Also verließ ich die Hamaseen. Ich verließ Zalambur. Ich ließ alles zurück.

Das Gewehr behielt ich allerdings.

Unter Atsus Anleitung legte ich das Gewand der Zaishen an. Ich lernte die Worte, die Balthasar vor langer Zeit zu uns gesprochen hatte, als er der Menschheit bei der Eroberung Ascalons half. Ich lernte, auf seine Stimme zu hören, die tief in mir saß, und sein Wort unter jenen zu verbreiten, die ihn nicht hören konnten.

Die Zaishen hatten keine Angst vor mir. Die Zaishen wollten mich nicht für ihre eigenen Zwecke ausnutzen. Die Zaishen waren einfach nur. Auch ich war einfach. Ich war ein Teil von ihnen – ein Teil von etwas, das größer war als ich selbst, größer als irgendeine Person.

Ich war wieder Teil einer Familie.

Ich war eine Priesterin Balthasars.

Und dann kam mein Gott nach Tyria. 

Ich wusste es.

In dem Moment, als ich ihn sah, wusste ich, dass er mein Gott war. Ich wusste, dass er es war, dem ich meine Dienste versprochen hatte. Er, der mir meine Gabe verliehen hatte. Er, der Sinn und Zweck zurück in mein Leben gebracht hatte.

Doch etwas stimmte nicht. Er stand vor mir, groß und imposant. Seine körperliche Form strahlte Kraft aus … doch diese Kraft war anders als die, die ich all die Jahre zuvor gespürt hatte. Seine Stimme klang nicht wie jene, die ich in mir vernahm.

Und dennoch war ich überrascht, als er uns verriet.

Ich versuchte, es mir zu erklären. Einige Zeit lang sogar mit Erfolg. Wochen vergingen, in denen ich meine Brüder und Schwestern der Zaishen überzeugte, die Waffen gegen den Pakt-Kommandeur und die Gebrandmarkten zu erheben.

Ich sah zu, wie sie ihre Leben wegwarfen.

Ich konnte meinen Gott nicht leugnen. Das Flüstern, das ich einst in mir gespürt hatte, wurde lauter und eindringlicher. Ganz gleich, was Balthasar von mir verlangte, was er von den Zaishen verlangte – wir gaben es ihm bereitwillig. Wir würden unsere Leben opfern, um die Welt vom Kristalldrachen zu befreien.

Die Zaishen schlossen sich Balthasars Armee der Geschmiedeten an und stießen in die Kristallwüste vor. Wir würden Kralkatorrik vernichten und danach Tyria von seinem abscheulichen Brand befreien.

Nichts konnte uns aufhalten.

Bis der Kommandeur es tat.

Die Argon-Festung. Dort sollte mein letztes Gefecht stattfinden.

Ich wusste, dass ich den Kristalldrachen niemals töten würde, doch ich musste etwas unternehmen.

Dort würde ich meinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen, mit dem Schwert des gefallenen Gottes. Ich würde im Kampf sterben, so wie Balthasar es verlangte.

Ich hob das Gewehr an.

Ich finde meine Mitte.

Ausatmen.

Nicht ziehen. Drücken. 

Das KNALLEN der Kugel. Das Mündungsfeuer. Der Rückstoß des Gewehrs. Dann …

Ein metallisches KLINGEN hallte durch den Trainingshof. Ich hatte überall in der Kristallwüste Kanister wie diesen gesehen, gefüllt mit lähmendem Gas. Mit dem Gas bezwangen die Geschmiedeten all jene, die dachten, sie könnten uns aus den Höhlen und alten Ruinen überraschen, mit denen die Landschaft übersät war. Und es war immer leichter, einen lebenden Gefangenen zu verhören als einen toten.

Als mein Gott und seine Geschmiedeten besiegt waren, bestand kaum Zweifel daran, dass der Pakt seine Waffen aufstockte und es für sich selbst nehmen würde.

Ich würde ein letztes Mal davon Gebrauch machen. Sollte jemand versuchen, das Schwert zu nehmen, würde er entweder den Biss meines Gewehrs zu spüren bekommen oder dem beißenden Dunst zum Opfer fallen, der sich in der Garnison ausbreitete.

Dann hörte ich ein Geräusch im Hof.

„Wenn Ihr hier seid, um sein Schwert zu beanspruchen, geht wieder!“, rief ich dem Eindringling zu. „Ihr habt kein Recht darauf. Geht jetzt, dann bleibt Ihr am Leben.“

Doch halt. Nur ein Eindringling? Wer wäre so töricht, zu …

Ich sah durch mein Zielfernrohr.

Es war …

Es war der Gottesmörder. 

Instinkt. Das ist alles, worum es in einem Kampf geht. Ich war wütend. Ich wollte Rache.

Und das sagte ich dem Kommandeur. Am Pakt. An den Feinden Balthasars. Sie hatten meine Brüder und Schwestern getötet und den Gott, der mir einen Zweck gab.

Später, viel später, erkannte ich, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ich wollte mich rächen, jedoch nicht am Kommandeur oder dem Pakt, ja noch nicht einmal an den Feinden meines Gottes.

Ich wollte mich an meinem Gott selbst rächen. An Balthasar.

Balthasar tötete die Zaishen, meine Brüder und Schwestern. Balthasar schickte uns in den Tod. Er schickte uns in den Kampf gegen den Kristalldrachen. Wir sollten unsere Leben für einen Krieg opfern, der nur in Tyrias Zerstörung enden konnte.

Es war der Kommandeur, der ihn tötete, bevor Balthasar uns alle töten konnte.

Der Kommandeur rettete mich und das, was von den Zaishen übrig war.

Unsere Erinnerungen an Balthasar unterscheiden sich. Er half uns, das Beste in uns zu entdecken. Er half uns, eine Familie zu finden.

Ich kann nicht zulassen, dass der, zu dem er geworden war, er, der uns alle betrogen hatte, meine Hingabe ins Schwanken bringt.

Mein Glaube gilt nicht dem Gott selbst. Seinem Fleisch, so wie es war. Ich glaube an das, was er mich hat spüren lassen – seine Kraft, sein Potenzial. Ein Potenzial, das in Aurene weiterlebte.

Bis sie starb.

Ich weiß nicht, wie lange ich vor Aurenes unbewegtem Körper kniete und suchte. Nach irgendetwas.

Ich sah nur mein eigenes Gesicht, das sich in den Facetten von Kralkatorriks Kristall spiegelte. Ich dachte über jene Stunden in der Argon-Festung nach. Ich dachte darüber nach, was ich getan hatte. Atsus Worte fielen mir wieder ein.

Wofür tötet Ihr?

Diese Frage hätte ich vorher stellen sollen. Ich hätte darüber nachdenken sollen, wie Balthasar die Zaishen behandelt hatte. Wie er mich behandelt hatte.

Wie er die Zaishen nach seinem Belieben als Waffen eingesetzt hatte.

Als seine Mittel. Als Werkzeuge. Dinge, die man verwendet und dann entsorgt.

Tausend Fragmente meines Gesichts blickten mich aus dem Kristall an. Tausend Fragmente mit demselben schmerzvollen Ausdruck. Tausend Fragmente, die alle nach einer Antwort auf Atsus Frage suchten.

Als ich dort oben in der Garnison war, wusste ich das nicht.

Ich suchte nicht nach der Antwort auf die Frage. Erst jetzt wird mir klar, dass ich mich an etwas festhalten wollte, das man mir genommen hatte, als ich die erloschene Klinge meines Toten Gottes heranzog.

Ich war verloren, voller Verzweiflung. Mein Gott war tot. Meine Familie war zu Todfeinden Elonas geworden. Der, der meinem Leben Sinn gegeben hatte, war nun als Außenseiter verflucht. Als jemand, der in einem Anfall von Wahnsinn beinahe die Welt dem Untergang geweiht hätte.

Ich hatte mein Leben damit verbracht, anderen von Balthasars Tugenden zu berichten.

Davon, dass Balthasar jene lobt, die handeln.

Dass Balthasar jene lobt, die vorwärts schreiten, nicht zurück.

Dass Balthasar jene lobt, die nicht zögern – weder im Leben noch auf dem Schlachtfeld.

Dass Balthasar jene lobt, die ein Leben nehmen können, um andere zu retten.

Dass Balthasars Zaishen keine Leben nehmen, sondern sie schützen.

Das waren die Tugenden Balthasars. Die Tugenden, nach denen ich gelebt hatte. Die Tugenden, die mir einen Zweck und Stärke gegeben hatten. Und ich würde nie mehr über sie sprechen können.

Als ich oben in jener Garnison war, sah ich keinen Weg nach vorne. Ich spürte keinen Zweck. Ich wollte, dass alles endete. Ich wollte, dass sie mir ein Ende bereiteten.

Der Kommandeur zeigte mir einen anderen Weg.

Zalambur und die Hamaseen hatten mich benutzt wie ich mein Gewehr, als Werkzeug, das Kugeln schoss, um die Macht eines Mannes über andere zu stärken.

Balthasar hatte mich benutzt, um gegen den Kristalldrachen vorzugehen, ganz gleich, welche Folgen das für die Zaishen hatte.

Doch der Kommandeur? Der Kommandeur sah mich in einer Vision. In einer Prophezeiung.

Zum ersten Mal – das einzige Mal – stand mein Schicksal fest. Ich musste mich nicht fragen, ob ich den richtigen Pfad gewählt hatte oder den richtigen Personen vertraute. Ich musste nicht wissen, ob meine Kugeln oder meine Klinge für den richtigen Zweck verwendet wurden.

Keine Person, kein Gott, sondern das Schicksal hatte mich auserwählt. Ich musste mir keine Sorgen mehr machen.

Da war noch etwas anderes. In den letzten, kurzen Wochen sah ich, was Familie und Führung wirklich sein sollten. Aurene, die mit Balthasars Magie gesegnet und dennoch gütig und fürsorglich war. Sie stellte sich vor jene, die schwächer waren als sie. Sie starb, als sie den Kommandeur beschützte. Als sie uns beschützte.

Das hätte Balthasar niemals getan.

Endlich verstand ich es. 

Balthasar ist fort.

Aurene ist fort.

Tyria ist so gut wie verloren.

Doch ich bleibe. Ich verharre noch immer, mit dem Kommandeur und dem Pakt. Mit den Zaishen.

Das Schicksal gebot mir, am Ende der Welt dort zu sein. Wenn sie zu Staub zerfallen soll, werde ich die Lehren Balthasars sprechen, bis der Boden unter meinen Füßen zerfällt. Ich werde die Geschichte von Aurene und ihrem Champion schreien, bis der letzte Atemzug meine Lunge verlässt und ich in die Leere stürze.

All die Dinge, auf denen mein Glaube geruht hatte, haben mich verlassen.

In diesen letzten Momenten glaube ich an mich selbst und an mein Schicksal.

Alles andere ist unwichtig.

Aliricca

Guild Wars-Veteran und Lore-Fanatiker seit 2006. Als Mitarbeiter für Guildnews richtet sich mein Hauptaugenmerk auf die Lore des GW-Universums und Spekulationen rund um deren Erweiterung. Mit Rollenspielerfahrung im Gepäck möchte ich euch auf eine Zeitreise durch 11330 Jahre Geschichte Tyrias mitnehmen. Ingame erreichbar unter: Aliricca.1902

Schreibe einen Kommentar

Back to top button
Close